Piraten, genderpopender, Geschlechter- und Familienpolitik, Feminismus, Eichhörnchen.
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Hallo René,
es ist zwar vermutlich keine Absicht, aber deine Frage klingt sehr fordernd, wenn nicht aggressiv. Der Kegelklub spricht sich nicht für eine Quote aus - das haben wir mittlerweile auch sehr oft wiederholt. Vor diesem Hintergrund irritiert der Tonfall deiner Frage besonders. Zwar könnten wir dir jetzt trotzdem wie ein bibliothekarischer Auskunftsdienst Argumente für die von uns gar nicht geforderte Quote aufzählen (die du dir alternativ auch selbst anlesen könntest, denn das ist für uns natürlich sehr zeitintensiv). In diesem Fall wäre aber ein "bitte" oder auch nur ein Fragezeichen nett gewesen. Wir sind ja nicht deine bezahlten Angestellten. ;)
Wenn dich das Thema tatsächlich interessiert, empfehlen wir dir den Sammelband "Quotierung und Gerechtigkeit. Eine moralphilosophische Kontroverse" von Beate Rössler. Da wird vor allem auf den von dir angesprochenen Aspekt Gerechtigkeit/Ungerechtigkeit eingegangen, aber (was der Titel nicht sofort vermuten lässt) auch mit Empirie gearbeitet.
Hier ein Vorschlag, wie deine Frage hätte formuliert sein können, um weniger Irritation auszulösen: "Liebes Kegelklubteam, ich weiß zwar, dass sich der Kegelklub gar nicht für die Quote ausspricht. Weil ihr euch aber mit Genderthemen beschäftigt und deswegen vielleicht eine interessante Perspektive habt und ich mich gerade mit Quoten beschäftige, würden mich die Argumente, die ihr für eine Quote seht oder sehen könntet, interessierten. Schließlich entscheiden Geschlechterquoten meiner Meinung nach nur nach Geschlecht, so dass ich mich frage, wie das Instrument Ungerechtigkeiten bekämpfen soll. Könnt ihr mir mit meiner Frage weiterhelfen?" -
(Da diese Frage durchaus kniffelig ist, haben wir sie kollaborativ im Pad beantwortet)
Ich finde diese Frage sehr schwierig zu beantworten, da sich im Kegelklub sehr unterschiedliche Überzeugungen / Anschauungen tummeln, und gerade diese Vielfalt unsere Stärke ist. An sich ist es aber eine sehr schöne Frage. :)
Das Familien- und Geschlechterpolitische Programm der Piratenpartei verstehen die meisten im Kegelklub am ehesten als dem Queer-Feminismus / der Queer-Theory (http://de.wikipedia.org/wiki/Queer-Theorie ) nahestehend.
Insgesamt scheint im Kegelklub die Diskussion um "nature vs. nurture", also die Frage, ob Unterschiede zwischen den Geschlechtern eher biologisch / angeboren oder eher sozialisiert / anerzogen sind, deutlich in Richtung "nurture" zu gehen.
Dem Zitat von Simone de Beauvoir "Man wird nicht als Frau geboren, man wird dazu gemacht" stimmen wohl die meisten zu.
Damit positionieren wir uns mehrheitlich gegen den Differenz-Feminismus (http://de.wikipedia.org/wiki/Feminismus#Differenzfeminismus ), der prinzipiell davon ausgeht, dass Frauen allgemein sich von Männern allgemein oder sogar positiv unterscheiden. Es gibt aber auch ein paar Kegelklubmitglieder, die Differenzen zwischen den Geschlechtern annehmen, daraus aber keine Wertungen ableiten.
Was sich an der "Eichhörnchen"-Diskussion zeigt, ist vielmehr das Bestreben, Geschlechtergrenzen aufzuheben oder zumindest zu verwischen. Das steht in schöner Tradition des dekonstruktivistischen Feminismus wie ihn auch Judith Butler vertritt. (http://de.wikipedia.org/wiki/Feminismus#Dekonstruktivistischer_Feminismus.2FPostfeminismus ) Mind. ein Kegelklubmitglied arbeitet viel mit Sally Haslanger, die sich mit verschiedenen Formen der sozialen Konstruktion beschäftigt und Butler auf eine analytischere Ebene holt. Mindestens ein weiteres Kegelklubmitglied interessiert sich für den Phallogozentrismus (u.a. Luce Irigaray), welcher sich mit hierarchischen Strukturen aufgrund von Binaritäten auseinandersetzt. Den Begriff Postfeminismus verwendet niemand von uns, da er suggiert, dass der Feminismus vorbei/veraltet sei.
Nichtsdestotrotz diskutieren wir auch weiterhin Sex und Gender (http://de.wikipedia.org/wiki/Gender ) als unterschiedliche Aspekte, da diese
Unterscheidung einen einfachen Einstieg in die Diskussion um Geschlechterrollen ermöglicht.
Politisch steht der Kegelklub hinter den Zielen des Gender Mainstreaming (http://de.wikipedia.org/wiki/Gender-Mainstreaming ), wenn auch einzelne Maßnahmen hier sicher kontrovers diskutiert werden. Mind. ein Kegelklubmitglied mag hier die Zielvorstellungen von Barbara Risman.
Wenn es um Diskriminierung im beruflichen Umfeld geht, beschäftigt sich ein Kegelklubkind viel mit den Theorien von Connell (hegemoniale Männlichkeit) und Bourdieu (männliche Herrschaft, Habitus- und Feld-Theorie) um patriachale Strukturen zu analysieren. Zu struktureller Diskriminierung in (Wirtschafts-)Organisationen arbeitet dieses Kind viel mit den Theorien und Konzepten von Acker (Gendered Organisations), Kanter (Token-Theorie) und Eagly (Rolleninkongruenz). Vor allem bei letzterer findet sich sehr viele praxis-relevante Analysen und Handlungsansätze.
Mit besonderem Blick auf Männer schätzen wir die Texte und Errungenschaften der emanzipatorischen / kritischen / profeministischen Männerbewegung. Im deutschprachigen Raum wären hier Lothar Böhnisch und Michael Mäuser, im englischen z.B. Michael Flood oder einiges von Michael Kimmel zu nennen. Wir finden es äußerst schade, dass diese Meinungen im Internet so viel weniger organisiert sind als die antifeministischen Maskulisten.Von denen distanziert sich der Kegelklub ausdrücklich.
"Und zu Alice Schwarzer sagt ihr nichts??!?"
Nein. :) Die Frage bezog sich auch Theorien und TheoretikerInnen, Alice Schwarzer ist Journalistin, Publizistin und (war) Aktivistin.
Was ist mit Luise Pusch? Ihr Buch "Deutsch als Männersprache" ist grandios! (Leena) -
Hallo olafnensel,
Naja, die Quote ist eine Maßnahme, die gewachsene sexistische Strukturen zu durchbrechen versucht.
Der status Quo ist: Es gibt eine enorme Diskrepanz zwischen Frauen mit Abschluss und Frauen in Machtpositionen. Dies festzustellen ist nicht sexistisch.
Diesen Status Quo kann man nun damit verargumentieren, dass dass Frauen von Natur aus zu doof/unfähig/schüchtern sind, um alleine Karriere zu machen. Oder aber man geht davon aus, dass es äußere Umstände sind, die verhindern, dass Frauen Karriere machen (wie z.B. gläserne Decken, Sozialisierung zur Konfliktscheue/Bescheidenheit, Frauen, die nicht aus dem Mutterschaftsurlaub zurückkehren (wegen sozialisation, gender Pay Gap („es ist sinnvoller wenn ich zu hause bleibe, ich verdiene ja weniger…“), fehlende Kitaplätze/Kinderunfreundlicher Arbeitsplatz, Rabenmuttervorwürfe)).
Würden Quotenbefürworter* nun von ersterer, also der biologisch determinierten Ursache ausgehen, wäre dies sexistisch. Dies ist aber eben nicht der Fall: die Quote ist ihre Antwort auf die beschriebenen sexistischen Strukturen.
Festzustellen, dass ein Geschlecht im Nachteil ist, ist nicht sexistisch. Diesen Nachteil beheben zu wollen ist es ebenfalls nicht. Es werden ja keine pauschalen Aussagen über das Wesen der zu fördernden Personen gemacht (aufgrund derer sie zu fördern sei), sondern man geht davon aus, dass dieser Mechanismus bereits im Gange ist und verhindert, dass eben jene Menschen sich entfalten können. Und da möchte die Quote gegenhalten.
Grüße, Lotte -
Hallo olafnensel,
„Anders erklären“ ist leider etwas unspezifisch, aber generell: ja, wenn du einer Person nur aufgrund der Tatsache, dass sie weiblich ist, etwas automatisch anders erklärst, weil du aufgrund ihres Geschlechts davon ausgehst, dass sieh das besser/schlechter kann als ein Mann*, dann ist das sexistisch. Auch der oft gut gemeinte Versuch, „praxisnähere“ oder „passendere Beispiele“ wie Kosmetikherstellung oder das Programmieren einer Shopping-App zu wählen, sind sexistisch.
Sicherheitshalber: Ich gehe hier vom Fall aus, dass die erklärende Person über ihr weibliches Gegenüber nichts weiß außer dass sie eine Frau* ist. Wenn die beiden beste Freunde sind und die erklärende Person ganz genau weiß, dass die betreffende tatsächlich immer schonmal wissen wollte was ihren Lippenstift so cremig macht oder dass sie sich die 4 notwendigen Bedingungen für einen Deadlock um's Verrecken nicht merken kann, ist es natürlich sinnvoll, auf diese Bedürfnisse einzugehen. Aber pauschal davon auszugehen, dass das für alle Frauen* gilt– ist sexistisch.
Zum Türen aufhalten und Tasche tragen: Wenn du Menschen einfach so die Tür aufhältst oder ihnen tragen hilfst, ist das eine nette Geste und eine Angewohnheit, die sich viele von dir abgucken könnten. ;) Dies allerdings nur für Frauen* zu tun versetzt diese wieder in eine Sonderrolle, eine Abweichung von der (männlichen) Norm, die alleine nicht klarkommt.
Als Daumenregel kann man sich fragen: Hat es einen triftigen Grund, dass ich mit meinem weiblichen* Gegenüber jetzt anders umgehe als wenn sie ein Mann* wäre oder tue ich das vielleicht (aus versehen) aufgrund von Stereotypen, die dieser Person höchstwahrscheinlich nicht gerecht werden?
Grüße,
Lotte -
Die unter @kegelklub twitternden Menschen sind hier aufgelistet:
http://kegelklub.net/blog/about/
Blogposts werden von allen geschrieben, die Lust und etwas zu sagen haben. Falls die Presse explizit anch einem Kegelklub-Mitglied fragt schicken wir die Person, die am nächsten Dran ist, am meisten Ahnung hat und kann. :)
Den Account hier füttern bisher @lotterleben (ich) und @_noujoum.
Generell kann man unsere Organisationsform als Jellyfish Cluster beschreiben: Wir haben keine Sprecher oder Öffentlichkeitsarbeitsgruppe, wer etwas machen will, macht's, fragt auf der Mailingliste wer mitmachen will und los geht's . -
Das ist leider nicht überliefert. Im Zweifelsfall immer das Eichhörnchen selbst nach seiner Bezeichnung fragen. :)
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