WortSchuetze

Warum verschleiern Menschen so sehr ihre Kommunikation? Wäre es nicht viel einfacher, jeder bemühte sich, sein eigener Werbetexter zu sein?

  • christian röthlisberger aka bugsierer

    im privaten bereich hast du recht. eine sehr populäre form von werbetext ist der liebesbrief. mein erster textauftrag (als 17jähriger, also 1973 ;-) WAR ein liebesbrief. hat aber nicht funktioniert. die angebetete glaubte dem anbeter kein wort und als sie blöderweise erfahren hatte, dass er den liebesbrief für 20 franken bei mir schreiben liess, war sie erst recht beleidigt.

    übrigens werden liebesbriefe immer begleitet von eigentlichem event-marketing: einladungen ins kino, überreichung von blumensträussen, behängung mit schmuck, ausstattung mit chanel nr. 5, nichtendenwollende gespräche über den weltfrieden und das sitzpinkeln, etcpp.

    im professionellen bereich liegst du weitgehend falsch. unternehmer, die ihre werbung selber machen und das gut, sind die ausnahme, die die regel bestätigen. dafür gibt es verschiedene gründe.

    der externe werber hat den vorteil, dass er als aussenstehender eine brücke bauen kann zum kunden. der unternehmer selbst ist in der regel zu sehr auf sein produkt fixiert, er kann nur bedingt einschätzen, was sein potentieller kunde wirklich wissen will.

    beispiel: die ciba-geigy, einst ein grosser chemiekonzern in basel, heute novartis, hat in den 70ern eine eigene werbeagentur aufgemacht. sie dachten, dass sie mit den dutzenden von millionen, die sie bei externen agenturen ausgeben, geradesogut eine eigene agentur aufmachen können und dann günstiger wegkommen. nach fünf jahren machten sie den 50köpfigen gemischtwarenladen (grafiker, texter, fotografen, pr-leute, lithografen, art directors, art buyers, creative directors, etcpp.) wieder dicht, denn es funktionierte nicht, die hauseigene agentur war zu nah an der mutterfirma, was die kommunikation verwässerte und günstiger war es auch nicht.

    ein weiterer grund ist: nicht jeder mensch bringt einen graden satz zustande. ganz zu schweigen von der eindampfung eines komplexen sachverhalts auf drei sätze. das ist ein handwerk, für das man talent und routine mitbringen muss, und ein wenig kreativität wäre auch nicht schlecht. und zeit. die wenigsten unternehmer haben zeit, einen ganzen tag an drei sätzen rumzuschrauben. der routinierte texter hat's in drei stunden.

    last but not least: der texter ist fast immer auch konzepter. was sagen wir? in welchem ton? mit welchem bild? wie können wir unsere versprechen begründen? was sagt die konkurrenz? auf welchen kanälen erreichen wir unser zielpublikum? wie ergänzen sich diese kanäle? was kostet das? passt das konzept ins budget?

    kurz und gut: schlaue unternehmer wissen, warum sie in ihren texter investieren.

  • christian röthlisberger aka bugsierer