Würdest Du Dich als Anarchistin bezeichnen? Wenn ja, warum? Wenn nein, warum nicht?
Manchmal ja, manchmal nein, je nachdem, mit wem ich es zu tun habe. Mit dem Wort „Anarchistin“ kann man sich ja schön interessant machen, oder man kann spannende Debatten auslösen, oder aber alle verstehen nur Bahnhof oder kriegen die wildesten Phantasien. Deshalb verwende ich das Wort nur, wenn ich den Eindruck habe, dass es Türen öffnet, wenn nicht, dann nicht. Ich habe aber nichts dagegen, wenn ich als Anarchistin einsortiert werde. (Vorausgesetzt, man distanziert sich gleichzeitig schärfstens von diesem Frauenfeind Proudhon, der nämlich kein Anarchist war, entgegen landläufiger Meinung!) Ich war aber nie in einer anarchistischen Gruppe oder Organisation, sondern bin das quasi theoretisch geworden. Ich hab meine Diss über die Erste Internationale geschrieben und da waren mir die anarchistischen Theoretiker und Theoretikerinnen (genauer gesagt: Bakunin und mehr noch die anderen Antiautoritären in der Internationale) die Liebsten. Die haben sich damals auch am intelligentesten mit der Geschlechterdifferenz auseinandergesetzt. Das war eine sehr interessante und kreative Zeit im Hinblick auf sozialrevolutionäre Ideen. Man könnte es vielleicht als eines der größten Dramen der sozialrevolutionären Bewegung beschreiben, dass später die bolschewistische Revolution passiert ist und damit alles nur noch auf die „bist du für oder gegen die MarxLeninStalin-Kommunisten“ reduziert wurde. Irgendwie wurde dann alles, was links, aber gegen Marx und Epigonen war, unter „Anarchismus“ subsumiert, auch rückwirkend. Ich bin hingegen der Meinung, dass es eigentlich Quatsch ist, die vielen nicht-marxistischen Linken unter einen gemeinsamen Oberbegriff zu stellen. Bakunin und Proudhon z.B. waren regelrechte Gegner, beide haben mit Kropotkin kaum Gemeinsamkeiten, Stirner ist wieder auf einem völlig anderen Dampfer. Ihre einzige Gemeinsamkeit ist eigentlich, dass Marx gegen sie war, und das ist vielleicht doch etwas wenig, um daraus einen ganzen „ismus“ zu machen. Leider haben sich die „Anarchisten“ auch im 20. Jahrhundert überwiegend an Marx und Co. abgearbeitet und sich in symbolrevolutionäres Pathos gehüllt, statt kreativ zu sein (Ausnahmen gibt es). Sehr enttäuscht war ich, wie sie so gar nichts nach der „Wende“ auf die Beine gestellt haben, wo doch endlich dieser ewige „Drüben“-Vergleich weggefallen war. Also: Unterm Stich, ja, ich bin schon irgendwie Anarchistin whatever that may be. Vielleicht Differenzanarchistin? Das erinnert mich übrigens dran, dass ich noch einen Aufsatz für einen anarchistischen Sammelband schreiben muss, statt hier dauernd bei Formspring Fragen zu beantworten. Obwohl mir das grad mehr Spaß macht…


