
Ich habe oft den Eindruck, dass junge Frauen kein Interesse an einer weiteren Emanzipation haben, obwohl sie in der Schule gut darüber informiert wurden, was ihre Möglichkeiten wären. Wie können Sie sich das erklären?
Ich glaube nicht, dass junge Frauen kein Interesse an Emanzipation haben, sondern für die meisten ist es inzwischen wohl selbstverständlich, dass sie emanzipiert sind - im Sinne von gleichgestellt mit den Männern. Gleichgestellt ist ja nicht steigerbar - wenn es erreicht ist, ist es erreicht. Und wahrscheinlich finden sie es einfach ein bisschen langweilig, dauernd erklärt zu bekommen, dass diese Gleichstellung hier und da noch nicht ganz hundertprozentig erreicht ist (nicht nur junge Frauen, ich selbst finde das auch langweilig). Das hinterlässt nämlich immer diesen Geschmack, als seien Frauen irgendwie eine besonders schutzbedürftige Spezies und das entspricht nicht dem Selbstbild vieler, vor allem junge Frauen heute. Dazu kommt, dass die Forderung nach "Emanzipation" heute meist keine gesellschaftskritische Vision mehr enthält, sondern sozusagen längst von offiziellen Stellen eingeklagt wird (Lehrerinnen, Politikerinnen usw.) und damit natürlich auch nicht mehr unbedingt viel revolutionären Charme enthält. Was ich nun wichtig finde, das ist, plausibel zu machen, dass mit der Emanzipation der Feminismus als Bewegung für weibliche Freiheit nicht ans Ende angelangt ist, sondern erst jetzt so richtig losgehen müsste. Dahingehend nämlich, dass die Frauen ihre errungenen Rechte und Möglichkeiten nutzen, um sich mit eigenen Visionen und Wünschen wirklich einzumischen und etwas zu verändern - und nicht nur in dem Sinne zu funktionieren, wie es (seitens "der Wirtschaft" zum Beispiel) von ihnen erwartet und verlangt wird. Denn das wunderschöne Motto "Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt" ist ja immer noch nicht ganz leicht einzulösen :) Wenn Feministinnen da hilfreiche Ideen haben, dann dürfte das auch junge Frauen interessieren. Ist jedenfalls meine Erfahrung.

