Das Berufsbild "techblogger" ist ja relative neu. Siehst du darin die Zukunft, ist das nur Teil journalistischer Tätigkeit oder sogar nur eine vorübergehende Modeerscheinung?
Ich bezeichne mich nicht als Journalist, ich bin erstmal Geek, Nerd, Enthusiast, Freak... was auch immer du damit verbinden magst. Ich komme aus der Industrie und habe fast 30 Jahre Computererfahrung auf dem Buckel, also war mein Werdegang ein voellig anderer. Ein Journalist lernt erstmal zu schreiben, bevor er dann die Welt kennenlernt, ueber die er schreibt. Ich kannte diesen Mikrokosmos schon ein wenig laenger und schreiben habe ich ab dem 7. Lebensjahr gelernt.
Das Totschlagargument des investigativen Journalismus, besonders im Technologie-Bereich zieht gar nicht mehr. Alleine in den letzten 12 Monaten haben wir mehr Exklusiv Stories und Enthuellungen gebracht, wie saemtliche deutsche Techmedien zusammen. Dass wir bei denen nicht auftauchen zeigt, wie sehr sie sich einigeln und Angst davor haben, ihren bis dato noch einigermassen ueberlebenden Business zu verlieren. Als Beispiel moechte ich hier gerne unsere Berichterstattung ueber die Smartbook AG nennen. Folgender Artikel:
http://www.netbooknews.de/11346/smartbook-ag-oder-wie-ein-2-mann-unternehmen-die-it-welt-in-aufruhr-versetzt/
hat mich 3 Tage Recherche gekostet. Zeit, die deutsche Journalisten offenbar nicht mehr haben. Stattdessen werden lieber Pressemitteilungen kopiert und kritiklos Aussagen uebernommen.
Oder sie schreiben gleich direkt von uns ab, was leider auch bereits zu viele Blogger machen.
Techblogging ist Leidenschaft! Die Leidenschaft fuer neue Entwicklungen und Technologien und die Leidenschaft diese ungeschoent, ehrlich und subjektiv auszudruecken. Techjournalismus ist langweilig, sproede und wiederholt sich alle 3 Monate. Vergleiche mal einfach die Titelseiten der grossen deutschen Computermagazine und du wirst sehen, dass diese inzwischen BILD-Zeitungsniveau erreicht haben: "So laden sie illegale Filme runter" - "Die dunkle Seite des Internets, wir zeigen sie ihnen" - "Windowsrechner in einer Sekunde starten" - Austauschbarer Trivial-Journalismus fuer DAUs.
Explizit ausschliessen von dieser Kritik moechte ich Heise und die C'T, meine einzige printmediale Pflichtlektuere und deshalb werden sie diesen "Content-War" auch ueberleben.
Techblogging ist die Zukunft, wenn es denn eigenstaendiger Content ist und nicht nur das wiedergeben von News, die bereits auf dutzenden anderen Seiten zu lesen sind. Deshalb sind die Leute die auf Seiten wie Basicthinking.de, Neuerdings.com, Heimtechnik.com oder Netzwelt.de schreiben auch keine Techblogger, sondern Copycats, die das Grundprinzip des zur Zeit stattfindenden Journalismus in die Blogosphaere uebertragen wollen. Content grabben und aggregieren und das zum grossen Teil noch nicht einmal ohne Quellen-Nennung.
Als Blogger kannst Du dich heute nicht verstecken und du hast verdammt nochmal die moralische Pflicht, deine Quellen zu nennen und den Leuten ein wenig Anerkennung zu geben, die fuer dich und deine Seite diesen Content recherchiert und vorproduziert haben. Wer nur News aggregiert und keinen eigenen Content baut, wird ueber kurz oder lang die Graetsche machen und wird vor allen Dingen global gesehen, niemals anerkannt werden.
Ich habe keine Lust das ewige "guck mal da die tollen US-Blogger" und hier "die arroganten und rueckstaendigen Deutschen"-Lied aufzulegen. Aber eines sollte sich jeder selbstherrliche deutsche Blogger vor Augen fuehren: Weltweit stehen wir ziemlich bescheiden und rueckstaendig da. Das kann ja nicht daran liegen, dass in Deutschland die Blogosphaere intellektuell unterirdisch daher kommt (oft ist gerade das Gegenteil der Fall), es liegt an der Art und Weise wie gerne in Deutschland alles schlecht geredet wird und wie arrogant und unkooperativ weite Teile der Blogszene dort sind.
Wohlgemerkt es gibt tolle Ausnahmen, aber ich moechte einen US-Techblogger sehen, der in Deutschland mit aehnlich offenen Armen empfangen wird, aehnlich haeufig in grossen Magazinen wie Washington Post, Time Magazine oder Wired, Engadget und Techcrunch gefeatured wird, wie es meine Freunde in den Staaten mit mir gemacht haben.
Ein wenig mehr Leidenschaft, Offenheit und Miteinander und viel weniger Neid und Arroganz wuerden der Szene sehr sehr gut tun.
